06207 Bewertung und Fortentwicklung eines bestehenden Instandhaltungsplanungssystems (IPS)
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Instandhaltungsplanungssysteme (IPS) sind in der großen Mehrzahl der Unternehmen mit Instandhaltungsanforderungen im Einsatz. Um das Potenzial dieser Systeme vollständig auszuschöpfen, müssen sie systematisch und regelmäßig weiterentwickelt und optimiert werden. Dabei sind sowohl die Erfahrungen und Anforderungen der Nutzer als auch die Fortentwicklung der Systeme selbst und die damit gegebenen Möglichkeiten zu berücksichtigen. Im vorliegenden Beitrag werden die wesentlichen Elemente, Schritte und Methoden dieses Weiterentwicklungsprozesses behandelt. von: |
Schnelleinstieg ins Thema: Drei wichtige Fragen, auf die dieser Beitrag eine Antwort gibt
Frage 1: Wie kann ein bestehendes Instandhaltungsplanungssystem (IPS) bewertet werden, um es weiterzuentwickeln?
Antwort: Die Bewertung eines bestehenden IPS erfolgt idealerweise in zwei Dimensionen: anhand eines Kriterienkatalogs und durch die Analyse der Systemunterstützung. Ergänzend können Interviews mit Nutzern durchgeführt werden, um spezifische Anforderungen und Schwachstellen zu identifizieren. | |
Weitere Informationen dazu siehe Abschnitt 1.1 bis 1.4 |
Frage 2: Welche Rolle spielt ein Kriterienkatalog bei der Weiterentwicklung eines IPS?
Antwort: Ein Kriterienkatalog ist ein zentrales Werkzeug zur Bewertung und Weiterentwicklung eines IPS. Er ermöglicht eine strukturierte Erfassung und Bewertung von Anforderungen und bietet eine Grundlage für die Spezifikation notwendiger Anpassungen. Ein angepasster Kriterienkatalog hilft, sowohl den ursprünglichen als auch den aktuellen Entwicklungsbedarf zu analysieren. | |
Weitere Informationen dazu siehe Abschnitt 1.2 und Abschnitt 1.5. |
Frage 3: Welche Strategien gibt es für die Weiterentwicklung eines IPS?
Antwort: Es gibt drei Hauptstrategien: die kontinuierliche Weiterentwicklung des bestehenden Systems, die Durchführung eines Weiterentwicklungsprojekts oder die Neuausschreibung eines neuen Systems. Die Wahl der Strategie hängt von der Bewertung des aktuellen Systems und dem Abgleich mit dem Entwicklungsprogramm des Anbieters ab. | |
Weitere Informationen dazu siehe Abschnitt 3 und Abschnitt 4. |
Problembeschreibung
Instandhaltungsplanungssysteme (IPS) sind zur Sicherung von Effektivität und Effizienz der Instandhaltungsprozesse unverzichtbar. Viele solcher Systeme sind jedoch schon seit mehreren Jahrzehnten im Einsatz. Die Erfahrungen der Nutzer der Systeme, seit der Systemeinführung veränderte Anforderungen und die technologische Entwicklung der IPS machen eine Anpassung der eingesetzten Systeme möglich und notwendig, um deren Nutzen zu erhalten und zu maximieren.
Instandhaltungsplanungssysteme (IPS) sind zur Sicherung von Effektivität und Effizienz der Instandhaltungsprozesse unverzichtbar. Viele solcher Systeme sind jedoch schon seit mehreren Jahrzehnten im Einsatz. Die Erfahrungen der Nutzer der Systeme, seit der Systemeinführung veränderte Anforderungen und die technologische Entwicklung der IPS machen eine Anpassung der eingesetzten Systeme möglich und notwendig, um deren Nutzen zu erhalten und zu maximieren.
Der Prozess der Weiterentwicklung besteht aus folgenden Schritten: Bewertung des bestehenden Systems, Analyse der Entwicklungsmöglichkeiten, Erarbeitung von Varianten der Weiterentwicklung, Auswahl einer Variante und schließlich Umsetzung der ausgewählten Variante.
1 Bewertung des vorhandenen Systems
Ausgangspunkt für die Fortentwicklung eines Systems ist eine Bewertung der Leistungsfähigkeit des aktuellen Systems.
Die Bewertung des vorhandenen Systems umfasst dabei zweckmäßigerweise neben der Bewertung der Leistungsfähigkeit des Systems an sich auch einen Vergleich mit den ausgeschriebenen, angebotenen und bestellten Funktionen und Fähigkeiten. Hierzu lassen sich drei Verfahren einsetzen, die sinnvollerweise kombiniert werden.
1.1 Auswertung der Systemunterstützung
Bei der Nutzung jedes IPS sehen sich die Nutzerinnen und Nutzer mit Fragen und Problemen konfrontiert, die sie nicht mit den im System selbst vorhandenen Hilfs- und Unterstützungsfunktionen lösen können.
Die Unterstützung der Nutzer wird geleistet durch
| • | Key User (Systemnutzer mit besonderer Kompetenz in bestimmten Bereichen), |
| • | interne Fachstellen oder |
| • | externe Einheiten (Systemhersteller, Systemerrichter oder weitere Dienstleister.) |
Unabhängig davon, wie die Unterstützung organisiert wird, ist die systematische Erfassung der Anfragen und ihrer Bearbeitung nicht nur für die Entwicklung der Unterstützungsprozesse selbst wesentlich, sondern auch als Grundlage der Systementwicklung von Bedeutung.
Der Grundsatz „Keine Systemunterstützung ohne Ticket” sollte nicht infrage gestellt, sondern so umgesetzt werden, dass der Aufwand für die Anfragenden und die Bearbeiter so gering wie möglich ist.
Kategorisierung
Die Auswertung der so erhaltenen Tickets erfolgt auf der Grundlage einer Kategorisierung in zwei Dimensionen:
Die Auswertung der so erhaltenen Tickets erfolgt auf der Grundlage einer Kategorisierung in zwei Dimensionen:
| • | Kategorisierung nach funktionalen Bereichen. Ideal ist hier – soweit möglich – die Nutzung der Elemente eines Kriterienkatalogs (s. Abschn. 1.2). |
| • | Kategorisierung nach dem Ergebnis der Unterstützungsanfrage, wobei auch die Nutzung der im System vorhandenen Unterstützungsfunktionen und deren Leistungsfähigkeit erhoben werden sollte. |
Für die Kategorisierung des Ergebnisses der Unterstützungsanfragen ist die Verwendung der folgenden Kategorien sinnvoll:
| • | Anfrage konnte erfolgreich bearbeitet werden. Die im System vorhandenen Unterstützungsfunktionen wurden nicht genutzt. |
| • | Anfrage konnte erfolgreich bearbeitet werden. Die im System vorhandenen Unterstützungsfunktionen wurden genutzt, haben die Unterstützungsanfrage aber nicht ersetzt. |
| • | Die Anfrage konnte nicht erfolgreich bearbeitet werden, obwohl die entsprechenden Funktionen Teil des spezifizierten Funktionsumfangs des Systems sind. |
| • | Die Anfrage konnte nicht erfolgreich bearbeitet werden, da die angefragten Funktionen nicht Teil des spezifizierten Funktionsumfangs sind. |
1.2 Nutzung von Kriterienkatalogen
Kriterienkataloge, also die strukturierte Auflistung einzelner Kriterien bzw. Anforderungen an ein System, sind eines der leistungsfähigsten Hilfsmittel bei der Systembewertung – unabhängig vom System und vom Zweck. Der hohe Nutzen des Kriterienkatalogs beruht auf
| • | seiner Übersichtlichkeit, die es insbesondere ermöglicht, die Kriterien vollständig und in definierbarer Detaillierung zu erfassen, |
| • | der Möglichkeit, die Bewertungen mehrerer Personen in nachvollziehbarer Weise zusammenzufassen, sowie |
| • | der Möglichkeit, Bewertungen für Einzelkriterien, für Gruppen von Kriterien oder für das gesamte System zu erhalten. |
Zum Prinzip des Kriterienkatalogs bei der Behandlung von IPS – einschließlich eines Musterkatalogs und den Möglichkeiten der Auswertung – siehe Kapitel 06201.
Angepasster Kriterienkatalog zur Systembewertung
Liegt ein solcher Kriterienkatalog vor, bildet er eine hervorragende Grundlage für die Entwicklung eines Kriterienkatalogs zur Bewertung eines vorhandenen Systems.
Liegt ein solcher Kriterienkatalog vor, bildet er eine hervorragende Grundlage für die Entwicklung eines Kriterienkatalogs zur Bewertung eines vorhandenen Systems.
Tabelle 1 zeigt, wie ein ursprünglich der Ausschreibung zugrunde liegender Kriterienkatalog angepasst werden muss, um für die Bewertung eines bestehenden Systems verwendet werden zu können.
Tabelle 1: Anpassung eines Kriterienkatalogs
Nr. | Kriteriengruppe | Entfernen | Ergänzen |
|---|---|---|---|
1 | Funktionale Kriterien | Nicht mehr erforderliche/genutzte Funktionen/Schnittstellen | Neue Anforderungen gemäß Nutzererfahrung oder technischer Entwicklung |
1.1 | Funktionale Kriterien 1 | ||
1.2 | Funktionale Kriterien 2 | ||
1.n | Funktionale Kriterien n | ||
2 | Systemtechnik einschließlich Schnittstellen | ||
3 | Dienstleistungen | Dienstleistungen zur Systemimplementierung. | Dienstleistungen zur Unter-stützung der Systemnutzung |
4 | Projektmodell | nicht genutzt zur Bewertung eines bestehenden IPS | |
5 | Anbieter/Angebot | ||
Die funktionalen Kriterien sollten um solche ergänzt werden, die sich aus der Rückmeldung der Nutzerinnen und Nutzer oder aus der technischen Entwicklung ergeben. Kriterien, die sich auf Funktionen bzw. Schnittstellen beziehen, die nicht mehr genutzt werden, sollten entfernt werden. Im Bereich der Dienstleistungen sind Dienstleistungen zu entfernen, die sich auf die Systemimplementierung beziehen. Dafür sind Kriterien zu ergänzen, welche die Unterstützung bei der Nutzung des Systems bewerten (Reaktionszeit bei Problemen, Effektivität bei der Beantwortung von Nutzerfragen usw.).
Zur Bewertung des vorhandenen IPS werden zweckmäßigerweise sowohl der ursprüngliche Kriterienkatalog, als auch der angepasste verwendet. Die Verwendung des Katalogs, der auch der Beschaffung des IPS zugrunde lag, liefert eine Aussage darüber, in welchem Umfang die bei der Angebotsbewertung vorhandenen Erwartungen durch das System erfüllt wurden. Die Bewertung nach dem neuen Katalog zeigt dagegen, in welchem Umfang das vorhandene IPS den aktuellen Anforderungen genügt.
Spontane Bewertung durch viele Bewerter
Bei der Bewertung wird jedem Kriterium eine Zahl zugeordnet, die dessen Erfüllung quantitativ erfasst. Die in der Tabelle 2 gezeigte Skala ist nicht die einzig mögliche, aber eine häufig verwendete, die auch den Auswertungen in diesem Artikel zugrunde liegt.
Bei der Bewertung wird jedem Kriterium eine Zahl zugeordnet, die dessen Erfüllung quantitativ erfasst. Die in der Tabelle 2 gezeigte Skala ist nicht die einzig mögliche, aber eine häufig verwendete, die auch den Auswertungen in diesem Artikel zugrunde liegt.
Tabelle 2: Bewertungsskala
Wert | Bewertung | Dringlichkeit |
0 | Funktion ist nicht vorhanden | Erheblicher Verbesserungsbedarf |
1 | Funktion genügt in keiner Weise den Anforderungen | |
Verbesserungsbedarf | ||
2 | Funktion genügt den Anforderungen nicht | |
3 | Funktion genügt den Anforderungen | kein Verbesserungsbedarf |
4 | Funktion in hervorragender Weise | |
5 | Funktion geht deutlich über die Anforderungen hinaus |
Für die weitere Auswertung ist es erforderlich, die Dringlichkeit der Verbesserung zu bewerten. Dies ist in zwei Stufen in der dritten Spalte von Tabelle 2 dargestellt. Bei einer Bewertung von 0–1,5 (als Mittelwert über die Kriterien) ist von dringendem, bei einer Bewertung von 1,5–3,0 von bestehendem Verbesserungsbedarf auszugehen.
Die Nutzung von Gewichtungen für die Kriterien und die Zusammenführung der Einzelbewertungen sind in Beitrag 06201 beschrieben. Sollte kein Kriterienkatalog existieren, ist die Erstellung eines solchen Kataloges entsprechend der hier und im oben genannten Beitrag dargestellten Methodik dringend empfohlen.
1.3 Interviews zu Einzelfragen
Die dritte Möglichkeit der Systembewertung ist die Durchführung von Interviews mit ausgewählten Nutzern. Dabei werden (z. B. auf der Grundlage der Bedienungsanleitung oder – soweit vorhanden – des Lastenhefts) bestimmte Prozesse oder Teilprozesse (z. B. Durchlauf eines bestimmten Auftrags oder Behandlung einer Anfrage an die Systembetreuung) behandelt und die Qualität der Unterstützung, die durch System oder Anbieter geleistet wird, bewertet.
Interviews werden zweckmäßigerweise durchgeführt
| • | zu Funktionen von besonderer Bedeutung für die Qualität des Systems, |
| • | für neue Funktionen, die nicht im Lastenheft erfasst sind, aber bei der Ergänzung des Kriterienkatalogs oder der Auswertung der Systemunterstützung als wichtig erkannt wurden, sowie |
| • | für Funktionen, bei denen die Auswertung der Systemunterstützung und die des Kriterienkatalogs zu unterschiedlichen Ergebnissen kamen. |
1.4 Zusammenfassende Bewertung
Um eine Bewertung des vorhandenen IPS vorzunehmen, werden die erhobenen Daten zusammengefasst. Um die Auswertung der Systemunterstützung mit der Bewertung des Katalogs zusammenzufassen, wird der Prozentsatz der erfolgreich bearbeiteten Supportanfragen auf die Bewertungsskala des Kriterienkataloges abgebildet, z. B. nach Tabelle 3.
Tabelle 3: Abbildung der Systemunterstützung auf die Bewertung
Prozentsatz der erfolgreich gelösten Nutzeranforderungen | 0 % | 28 % | 57 % | 85 % | 93 % | 100 % |
Bewertung | 0 | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 |
Tabelle 4 zeigt das Grundprinzip für fünf als Beispiel ausgewählte Kriterien.
Tabelle 4: Prinzip der zusammenfassenden Bewertung
Struktur-nummer | Beschreibung | Gewichtung | BewertungnachAngebot | BewertungnachSystem-unter-stützung | BewertungnachangepasstemKriterien-katalog | BewertungnachEinzel-interviews(falls geführt) | FinaleBewertung(ganzeZahl) | FinaleBewertungmitGewichtung |
1.4.6 | Plausibilitätsprüfungen | 1 | 3,8 | 3,9 | 3,7 | n/a | 4 | 4 |
1.8.3 | Verwaltung technischer Geräte | 5 | 3,5 | 3,1 | 2,2 | 2,8 | 3 | 15 |
2.1.3 | Nachträgliche Präzisierung der Zuordnung zu Anlagenstruktur | 2 | 2,9 | 3,1 | 2,2 | 2,8 | 2 | 4 |
2.1.8 | Unterstützung Arbeitssicherheit | 2 | 3,5 | 3,1 | 2,2 | 2,8 | 2 | 4 |
3.1.5 | Definition von Kenzahlen/ Berichten durch Endanwender | 2 | 2,7 | 1,6 | 1,4 | 1,6 | 1 | 2 |
Das erste Feld enthält die Zuordnung des Kriteriums zu Gruppen oder Untergruppen und wird insbesondere zur Zusammenfassung der Bewertungen für diese Gruppen und Untergruppen benutzt. Das zweite Feld enthält die Beschreibung des Kriteriums, das dritte die Gewichtung, mit der das Kriterium in die Zusammenfassung mehrerer Kriterien eingeht (häufig verwendet werden die Werte 1, 2, 5, s. auch Kap. 06201) Die nächsten vier Felder enthalten, sofern vorhanden, vier Bewertungen, nämlich:
