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02102 Instandhaltungsbudgetierung

Verfahren und Methoden zur Planung von Budgets der Anlageninstandhaltung

Die besondere Bedeutung der Instandhaltung in der Anlagenwirtschaft, veränderte Geschäftsmodelle infolge der digitalen Transformation sowie erhöhte Anforderungen an Sicherheit und Zuverlässigkeit stellen die Budgetierung inhaltlich vor neue Herausforderungen. Angesichts knapper Ressourcen und teilweise unvollständiger Informationen besteht die Aufgabe darin, die Budgethöhe mit möglichst hoher Prognosegenauigkeit zu ermitteln und nachvollziehbare Argumentationsgrundlagen für die Budgetfreigabe zu schaffen. Gleichzeitig muss die Budgetierung ausreichend flexibel sein, um auf unterjährige Veränderungen, beispielsweise ungeplante finanzielle Einschnitte, reagieren zu können, ohne den Wertschöpfungsprozess zu gefährden. Unterstützend wirkt hierbei die Anwendung in der Instandhaltung erprobter Budgetierungsverfahren. Im Folgenden wird ein Überblick über die für die Instandhaltung anwendbaren Verfahren gegeben.
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Schnelleinstieg ins Thema: Drei wichtige Fragen, auf die dieser Beitrag eine Antwort gibt
Frage 1: Was kostet ein zu knappes Instandhaltungsbudget wirklich?
Antwort: Oft nicht nur weniger Aufwand, sondern mehr Stillstände, Qualitätsprobleme und Folgekosten. Der Artikel zeigt, warum ein scheinbar sparsames Budget den Wertschöpfungsprozess schnell teurer machen kann, als es auf den ersten Blick wirkt.
Weitere Informationen dazu siehe Abschnitt 1.
Frage 2: Warum reicht es nicht, das Instandhaltungsbudget einfach aus den Vorjahreskosten fortzuschreiben?
Antwort: Weil Vergangenheitswerte weder Preisänderungen noch neue Risiken, veränderte Auslastungen oder den tatsächlichen Anlagenzustand zuverlässig abbilden. Der Beitrag macht deutlich, warum einfache Fortschreibungen bequem sind, aber in der Praxis oft an der Realität vorbeiplanen.
Weitere Informationen dazu siehe Abschnitt 3.3.
Frage 3: Welche Budgetierung hilft Ihnen wirklich, wenn Mittel gekürzt werden und trotzdem nichts Kritisches liegen bleiben darf?
Antwort: Besonders stark ist hier ein risiko- und entscheidungsorientierter Ansatz, weil er Maßnahmen nach Dringlichkeit und Ausfallfolgen priorisiert. So wird sichtbar, was zwingend finanziert werden muss und was sich mit vertretbarem Risiko verschieben lässt.
Weitere Informationen dazu siehe Abschnitt 3.10.

1 Einleitung

Die Instandhaltung stellt in anlagenintensiven Unternehmen einen erheblichen wirtschaftlichen Faktor dar. Eine der bislang umfassendsten Untersuchungen zur volkswirtschaftlichen Größenordnung der Instandhaltung in Deutschland wurde 2011 von der Initiative „Fokus Instandhaltung” in Kooperation mit der Frankfurt School of Finance & Management auf Basis von Daten des Jahres 2009 durchgeführt. [1] Ausgehend von einem Bruttoanlagevermögen zu Wiederbeschaffungspreisen von 13.242,36 Mrd. EUR wurden für das Anlagevermögen Instandhaltungsaufwendungen in Höhe von insgesamt 212,20 Mrd. EUR abgeschätzt. Davon entfielen 112,35 Mrd. EUR auf „Ausrüstungen und sonstige Anlagen”. Bei einem entsprechenden Bruttoanlagevermögen von 2.147,88 Mrd. EUR entspricht dies einer gewichteten Instandhaltungsrate von 5,23 %. [2]
Folgekosten ungeplanter Stillstände
Eine methodisch unmittelbar vergleichbare aktuelle gesamtwirtschaftliche Untersuchung für Deutschland konnte im Rahmen der Literaturrecherche nicht identifiziert werden. Neuere empirische Untersuchungen bestätigen jedoch die unverändert hohe wirtschaftliche Bedeutung von Instandhaltung und Anlagenzuverlässigkeit. Die von ABB veröffentlichte Studie „Value of Reliability” zeigt für Deutschland, dass 67 % der befragten Industriebetriebe mindestens einmal monatlich von ungeplanten Stillständen betroffen sind. Der Median der angegebenen Stillstandskosten liegt bei 147.000 EUR je Stunde; zugleich setzen 21 % der befragten deutschen Unternehmen weiterhin überwiegend reaktive Instandhaltungskonzepte ein. [3]
Auch internationale wissenschaftliche Untersuchungen weisen auf die erhebliche wirtschaftliche Wirkung der Instandhaltung hin. Thomas und Weiss schätzen die jährlichen, mit Instandhaltung und unzureichender Instandhaltung verbundenen Kosten und Verluste für die US-amerikanische Fertigungsindustrie mittels Monte-Carlo-Analyse auf durchschnittlich 222,0 Mrd. USD. Unternehmen mit geringerer Abhängigkeit von reaktiver Instandhaltung wiesen in der Untersuchung deutlich weniger ungeplante Stillstandszeiten auf. [4]
Instandhaltung sichert Wertschöpfung
Diese Ergebnisse verdeutlichen zugleich, dass die wirtschaftliche Bedeutung der Instandhaltung nicht allein anhand ihrer unmittelbar verursachten Kosten beurteilt werden kann. Instandhaltung beeinflusst über Anlagenverfügbarkeit, Zuverlässigkeit, Qualität, Produktivität, Lebensdauer und Risikobeherrschung unmittelbar die Leistungsfähigkeit der betrieblichen Wertschöpfungsprozesse. Biedermann stellt deshalb den Wertschöpfungsbezug in den Mittelpunkt eines leistungsorientierten Instandhaltungs- und Assetmanagements und verbindet ihn mit Zielsystem und Bewertung der Instandhaltungsleistung. [5] Diese Perspektive wird in der VDI 2885:2025 aufgegriffen, indem die Instandhaltung als produktivitäts- und verfügbarkeitsrelevante Funktion eingeordnet und die Ermittlung von Instandhaltungskosten über die Nutzungsdauer unter Berücksichtigung der gewählten Instandhaltungsstrategie gefordert wird. [6]
Wertbeitrag nur mittelbar messbar
Gerade aus dieser Wertschöpfungsperspektive ergibt sich für die Budgetierung der Instandhaltung eine besondere Herausforderung. Während der Ressourceneinsatz und die damit verbundenen Instandhaltungskosten unmittelbar monetär erfassbar sind, lässt sich der durch Instandhaltungsmaßnahmen erzeugte beziehungsweise gesicherte Wertbeitrag häufig nur mittelbar bestimmen. [7] Ein zu niedrig angesetztes Instandhaltungsbudget kann zwar kurzfristig Kosten reduzieren, zugleich jedoch durch steigende Ausfallrisiken, Produktionsverluste, Qualitätsprobleme oder eine Verkürzung der Anlagenlebensdauer wesentlich höhere Folgekosten verursachen. Umgekehrt stellt auch ein höheres Instandhaltungsbudget nicht zwangsläufig einen höheren Wertbeitrag sicher. Entscheidend ist vielmehr die zielgerichtete Allokation der verfügbaren finanziellen Ressourcen auf jene Maßnahmen, die unter Berücksichtigung von Leistung, Risiko und Lebenszyklus den größten Beitrag zur Wertschöpfung leisten.
Budgetbedarf nachvollziehbar begründen
Vor diesem Hintergrund kommt der Ermittlung einer angemessenen Budgethöhe sowie der nachvollziehbaren Begründung und Priorisierung des Budgetbedarfs eine zentrale Bedeutung im Instandhaltungsmanagement zu. [8] Die Budgetierung muss dabei einerseits eine möglichst hohe Prognosegenauigkeit gewährleisten und andererseits so strukturiert sein, dass bei veränderten betrieblichen oder wirtschaftlichen Rahmenbedingungen eine sachgerechte Anpassung und Priorisierung von Instandhaltungsmaßnahmen möglich bleibt. Ziel des vorliegenden Beitrags ist es daher, die für die Instandhaltung geeigneten Budgetierungsverfahren systematisch darzustellen, hinsichtlich ihrer jeweiligen Voraussetzungen sowie Vor- und Nachteile zu bewerten und daraus Anforderungen an eine leistungs- und risikoorientierte Instandhaltungsbudgetierung abzuleiten.
Der Begriff „Instandhaltung” wird im gesamten Artikel im Sinne des Anlagenmanagements bzw. der Anlagentechnik verstanden, wobei die Instandhaltung im Sinne von Facility Management ausgenommen ist. Aus Gründen der Lesbarkeit wird auf genderspezifische Bezeichnungen verzichtet.

2 Grundlagen

2.1 Begriffe der Instandhaltung

Der Begriff „Instandhaltung” (IH) bezeichnet die Gesamtheit technischer und administrativer Maßnahmen sowie Maßnahmen des Managements während des Lebenszyklus eines Objekts, die darauf gerichtet sind, dessen funktionsfähigen Zustand zu erhalten oder wiederherzustellen, sodass die geforderte Funktion erfüllt werden kann. [9]
Aufgabenfelder der Instandhaltung
Zu den Maßnahmen und Aufgabenfeldern der Instandhaltungsorganisation gehören: [10]
•
Wartung zur Verzögerung des Abbaus des vorhandenen Abnutzungsvorrats.
•
Inspektion zur Feststellung und Beurteilung des Ist-Zustands einschließlich der Ableitung von Folgerungen für die weitere Nutzung.
•
Instandsetzung zur Rückführung einer Betrachtungseinheit in einen funktionsfähigen Zustand.
•
Verbesserung zur Erhöhung von Zuverlässigkeit und/oder Instandhaltbarkeit, ohne die geforderte Funktion zu verändern.
Das Instandhaltungsmanagement hat neben der Weiterentwicklung der Organisationsstruktur und der Personalführung vor allem die Aufgaben der Planung, Durchführung und Kontrolle. In diesem Zusammenhang zeigt Abbildung 1 die unterschiedlichen Planungsebenen und -bereiche der Instandhaltung sowie deren Wirkungszusammenhänge, die zum Aufgabenkreis des Managements gehören. Darunter fallen beispielsweise die Formulierung der betriebsspezifischen Aufgaben und Ziele, die Gestaltung der Politik, die Wahl des Strategiemixes, die Festlegung und Planung von Maßnahmen sowie deren Durchführungskontrolle und die Analyse ihrer Wirksamkeit. ([8], S. 27)
Abb. 1: Controllingsystem der Instandhaltung [11]
Strategiewahl beeinflusst das Budget
Eine weitere Erkenntnis aus Abbildung 1 ist der direkte Einfluss der IH-Strategie auf die Budgetplanung. Je nach Strategieauswahl sind Maßnahmen reaktiv, erhaltend, vermeidend, verbessernd beziehungsweise agierend. In der Regel wird für den Anlagenpark in Abhängigkeit von Anlagentyp, Alter, Kritikalität, Auslastung und weiteren Rahmenbedingungen ein Strategiemix gewählt und fortlaufend angepasst.
Abbildung 2 stellt unterschiedliche IH-Konzepte dar, die auf den Instandhaltungsstrategien „ausfallsorientiert”, „vorbeugend”, „zustandsabhängig”, „anlagenwirtschaftlich orientiert”, „leistungsorientiert”, „wissensbasiert”, „intelligent” sowie „schlank, intelligent & effizient” aufbauen.
Neben der Art der Maßnahmen unterscheiden sich die Instandhaltungskonzepte insbesondere hinsichtlich ihrer Mitarbeiter- und Prozessorientierung. Das Konzept Lean Smart Maintenance weist dabei eine besonders ausgeprägte Mitarbeiter- und Prozessorientierung auf.
Abb. 2: Instandhaltungsphilosophien – Fokus und Eigenschaften [12]

2.2 Begriffe der Budgetierung

Horváth definiert den Begriff „Budget” als „einen formalzielorientierten, in wertmäßigen Größen formulierten Plan, der einer Entscheidungseinheit für eine bestimmte Zeitperiode mit einem bestimmten Verbindlichkeitsgrad vorgegeben wird.” [13] Demnach sind die Merkmale eines Budgets die Wertmäßigkeit, die Zukunftsbezogenheit und der Vorgabecharakter.
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